Zeitreise: Kulturamt führt durch das ehemalige Reichsausbesserungswerk

Ingolstadt (intv) Was haben Eisenbahn- und Medizingeschichte gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Wenn man aber die 100 Jahre alten Hallen des ehemaligen Reichsausbesserungswerk für Züge, kurz RAW, betritt, wird man eines besseren belehrt. Wo später Lokomotiven gewartet wurden, lagen im Ersten Weltkrieg tausende Verwundete im Lazarett. Die sonst nicht zugänglichen Hallen auf der Ostseite des Hauptbahnhofes wurden für eine historische Führung des Kulturamts geöffnet. Harald Kneitz führte die rund 80 geschichtsinteressierten Ingolstädter durch das ehemalige RAW. Der Bau des ehemaligen Reichsausbesserungswerkes war 1914 vollendet. Ursprünglich sollten hier Züge repariert werden. Doch dann brach der Erste Weltkrieg aus: „Die Reichssicherung wurde von den Ereignissen überfahren. Die Schlachten haben dermaßen viele Verwundete, auch Tote natürlich, produziert, dass man hier reagieren musste und deswegen diese Vielzahl an Reservelazaretten. Mit Güterwagen wurden die Verwundeten direkt in die Hallen transportiert, anfangs nur auf Stroh gebettet. Insgesamt wurden  23.000 Verwundete hier aufgenommen, in ganz Ingoslstadt waren es knapp 45.000“, berichtet Kneitz, während die Ingolstädter die Hallen ehrfürchtig erkunden.

Etwa 2.500 Verwundete fanden im Reservelazarett II in Ingolstadt gleichzeitig Platz. Das erstaunliche: Zu Zeiten ohne Antibiotika lag die Sterblichkeit in Lazaretten statistisch gesehen unter zehn Prozent. Verwundete aus bis zu zehn Nationen lagen unter einem Dach, Freund und Feind Seite an Seite. Sogar hoher Besuch kündigte sich in Ingolstadt an: Königin Maria Theresia von Bayern machte sich 1917 persönlich ein Bild der Lage. In den Hallen begeben sich die Besucher auf eine Zeitreise in die Vergangenheit. Besonders anschaulich: Der Blick vom Krankenbett aus: „Nach stundenlangem Anstehen kam man endlich zum Verbinden dran. Die wenigen Ärzte, die hier waren, hatten es sehr streng, denn es waren doch so circa 2.200 Verwundete hier und jeder wollte verbunden sein. Vom frühen Morgen bis in den späten Abend hatten die Ärzte zu tun, um die Patienten zu befriedigen. Aus der Umgebung wie von Ingolstadt, Reichertshofen und Pfaffenhofen kamen Privatärzte, die den hießigen aushalfen. Allmählich kam Ordnung ins Lazarett“ – Dieter Storz vom Armeemuseum zitiert eine Passage aus dem Buch von Wilhelm Heider, ein Soldat aus Pörnbach. Er wurde von einem Granatsplitter an der Elle verletzt und war zwei Jahre lang Patient im Lazarett. Yvonne Tutert, die Enkelin Heiders, übergab die Notizen dem Bayerischen Armeemuseum.

1917 dann werden die Hallen ihrer ursprünglichen Bestimmung übergeben: „Damit kamen dann endlich auch die Techniker und Schlosser zum Einsatz. Der Zweck wurde ein friedlicher“, so Kneitz weiter. In der letzten Halle dann ziert eine sogenannte kleine Köv den Eingang des damaligen Lazaretts. Ein Miniaturmodell kann derzeit im Armeemuseum im Rahmen der Jubiläums-Ausstellung zum Ersten Weltkrieg besichtigt werden. Auch die Ausstellung „Who cares?“ im Stadtmuseum greift dieses Kapitel medizinhistorisch auf. In einer der Hallen werden heute noch Güterwagen repariert. Von außen unscheinbar und doch ein so geschichtsträchtiger Ort.