Rückkehr zum G9?

Ingolstadt (intv) Vor gut zehn Jahren wurde die bayerische Gymnasialform in einer politischen Nacht- und Nebel-Aktion reformiert. Die bisher neun Jahrgangsstufen wurden auf acht verkürzt. Jetzt, mit zehnjähriger Erfahrung mit dem G8, herrscht aber keinesfalls Ruhe an der Schulfront. Im Gegenteil: Die Diskussion brodelt, viele fordern eine Reform der Reform. Das Volksbegehren zur Wahlfreiheit zuwischen G8 und G9 brachte den Stein ins Rollen – nun werden Lösungen gesucht. Ginge es nach dem bayerischen Philologenverband, soll die Gymnasialzeit grundsätzlich wieder auf neun Jahre verlängert werden, leistungsfähige Schüler können weiterhin in acht Jahren zum Abitur. Der Rotstift soll in der Mittelstufe angesetzt werden: Die zehnte Klasse soll künftig unterstützt übersprungen werden können. Für Sarah Reinholz, Schülersprecherin am Apian-Gymnasium wäre die Wahlfreiheit die beste Lösung: „Es gibt eben Schüler, die sich leichter tun, manche tun sich ein bisschen schwerer. Deswegen, finde ich,  sollte das Kind alleine entscheiden, ob G8 oder G9. Bestmöglichst in der 8. oder 9. Klasse, weil da wissen sie auch schon, ob sie es schaffen oder nicht.“

In das gleiche Horn stößt der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband, geht aber noch einen Schritt weiter: „Die gymnasiale Zeit zu verlängern ist ein Schritt, der aber nicht ausreicht, wenn man nicht auch an den Inhalten und Lernmethoden etwas ändert. Es muss möglich sein, dass einzelne Lerninhalte reduziert werden“, so Karin Leibl, stellvertretende Bezirksvorsitzende des BLLV. Vor allem das sogenannte Bulimielernen bereitet ihr Kopfzerbrechen. Manche Schüler haben bis zu 16 Fächer in der Woche. Entschleunigtes Lernen deshalb das Zauberwort für den BLLV.

Auch am Christoph-Scheiner-Gymnasium steht man einer Reform offen gegenüber, allerdings will Schulleiter Gerhard Maier das G8 nicht verteufeln: „Wir haben durch das G8 sicherlich Elemente dazugewonnen, die  sehr wertvoll sind, wie die Mittagsbetreuung und die Intensivierungsstunden.“ Die vergangenen zehn Jahre als Erfahrungsschatz nutzen und auf erfolgreichen Elementen aufbauen, so sieht es auch Reinhard Kammermayer, Schulleiter des Katharinen-Gymnasiums. Einer Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 stehen allerdings beide Schulleiter skeptisch gegenüber, vor allem für kleinere Gymnasien. „Ein gleichzeitiges Organisieren von G8 und G9 ist aus meiner Sicht und langjähriger Erfahrung schlicht fast unmöglich. Am Schluss hätte ich sechs Zweige, wenn ich das in Kurse aufgliedere, dann muss man aufpassen, dass man am Ende nicht mehr Lehrer hat als Schüler in der Gruppe,“ betont Reinhard Kammermayer. Ebenso problematisch wäre, laut Gerhard Maier, eine Aufteilung unter den Schulen: „Gleichzeitig kann ich mir nicht vorstellen, dass Schulen wie jetzt beispielsweise in Ingolstadt, eines G8 anbietet und das andere G9. Ich halte es für ganz ungut, wenn da eine Konkurrenzsituation entsteht.“

Die Bayerische Staatsregierung steht nun unter Druck: Horst Seehofer kündigte heute an, die Eckpunkte des Philologenverbands als Basis der Diskussion zu nehmen. Dass sich etwas verändern muss, verraten Schulleiter Reinhard Kammermayer Briefe, die ihm seine Schüler zu dieser Debatte geschrieben haben. „Eine Schülerin hat mir geschrieben: ‚Das G8 nimmt uns die Lust am Lernen.‘ Und das wäre etwas, was überhaupt nicht passieren darf.“