Prozessauftakt über Totschlag: Zu viel Alkohol war im Spiel

Ingolstadt (intv) Dieser Totschlag sorgte letztes Jahr im Mai für Schlagzeilen. Die gebürtige Neuburgerin Nicole M. soll ihren Bekannten Albert I. in dessen Wohnung in Reichertshofen erschlagen haben. Besonders aufsehenerregend: Das Opfer hatte zum Tatzeitpunkt knapp 4,00 Promille. Auch die 40-jährige Angeklagte war stark alkoholisiert. Heute war Prozessauftakt am Landgericht Ingolstadt und gleichzeitig auch der erste Fall für die neue Strafkammer.

Diese wurde eingerichtet, da in den letzten Jahren die Zahl der schweren Straftaten deutlich zugenommen hat. Die bisherige Strafkammer war zunehmend überlastet und vor allem Haftverfahren konnten oft nicht im gesetzlich vertretbaren Zeitrahmen behandelt werden. Mit der neu geschaffenen 5. Strafkammer unter Leitung des Vorsitzenden Richter Thomas Denz soll sich das nun ändern.

Der erste Fall, der heute verhandelt wurde, liegt bereits fast ein Jahr zurück. Am 14. Mai 2014 soll die Angeklagte den 51-jährigen durch massive Gewalteinwirkungen so schwer verletzt haben, dass er schließlich starb. Laut Anklageschrift soll die arbeitslose Kunsthistorikerin unter anderem mit einer Essgabel auf den Reichertshofener eingestochen, ihn mit Füßen getreten und mit einem Glasaschenbecher und einem zerbrochenen Weißbierglas geschlagen haben. Der malträtierte Körper von Albert I. wies am Ende über 50 Verletzungen auf. In der Anklageschrift hieß es auch, dass er an der durch Tritte und Schläge verursachten „intensiven Halskompression erstickte.“ Das zeigte auch die Mittelgesichtsfraktur und Kehlkopfzertrümmerung.

Die 40-jährige Angeklagte hat sich heute zu den Vorwürfen geäußert und den Tag aus ihrer Sicht geschildert. Allerdings war ihre Aussage – speziell zur Tat selbst – von zahlreichen Gedächtnislücken geprägt. Das lag wohl auch an der Flasche Wodka, die sie an diesem Tag getrunken hat. Die schwer alkoholabhängige Angeklagte brach während ihrer Aussage immer wieder in Tränen aus. Sie erzählte von ihren regelmäßigen Aufenthalten in der Entzugsklinik. Dort hat sie auch ihr späteres Opfer Albert I. kennen gelernt. Die 40-jährige beschreibt ihn selbst als „liebenswert, hilfsbereit und fast väterlich“. An besagtem Tag im Mai wollte die arbeitslose Kunsthistorikerin zu Albert I., weil er ihr angeboten hat, bei ihm einzuziehen. Die Angeklagte war in akuter Wohnungsnot, drohte auf der Straße zu landen und nahm das Angebot dankend an. Um sich erkenntlich zu zeigen ging sie noch zum Einkaufen, aber der notwendigen Zutaten für Spaghetti Bolognese und einer Joghurt-Ananas-Nachspeise, besorgte sie sich eben auch ein 0,7 Liter Flasche Wodka.

Die Aussagen über den weiteren Verlauf des Abends wurden zunehmend undurchschaubar. Nicole M. Machte deutlich, dass sie sich immer mehr von Albert I. Bedrängt fühlte. Er habe sie immer wieder von hinten angefasst und schmutzige Kommentare fallen lassen. Für die 40-jährige zu viel. Bis 2013 lebte sie für mehrere Jahre in Berlin auf der Straße und wurde damals auch vergewaltigt. „Seit dem kriege ich die Krise, wenn man mich von hinten erschreckt oder betätschelt,“ so die Angeklagte in ihren Schilderungen. Insgesamt wurde es wohl auch ziemlich laut. Aus Erzählungen wisse sie, dass sie betrunken immer „verbal aggressiv“ werde.

An die Tat selbst konnte sich die gebürtige Neuburgerin nicht mehr erinnern. Erst am nächsten Morgen kommen bruchstückhaft Erinnerungen zurück. Wie sie nur mit Unterhose und Trägertop bekleidet in der Wohnung steht, Blut an ihrem Körper und Albert I. Keine Lebenszeichen mehr von sich gibt. Sie habe noch Mund-zu-Mund-Beatmung und eine Herzdruckmassage gemacht, aber vergeblich. Dann fuhr sie mit dem Bus zurück in die Stadt. Auch daran kann sie sich nicht erinnern, nur dass sie „geredet hat wie ein Wasserfall“, das weiß sie noch. Die Tat hat sie schließlich einer Betreuerin aus dem Theraphieheim gestanden. Die hat auch die Polizei informiert und seit dem sitzt Nicole M. In Untersuchungshaft.

Wegen ihrer Gedächtnislücken kommt es nun vor allem auf die Aussagen der Zeugen an, die an diesem Tag mit Nicole M. und Albert I. Kontakt hatten. Aber auch da zeigte sich bereits, dass eine Rekonstruktion nicht einfach wird, da auch einige der Zeugen am Tag der Tat unter Alkoholeinfluss standen und auch bei ihnen die Erinnerung eher lückenhaft als vollständig ist. Bereits in zwei Tagen, am kommenden Mittwoch, wird der Prozess fortgeführt.