Erinnerungskultur – auch die letzte blaue Stele hat nun ein Gesicht

Ingolstadt (intv) Über die ganze Ingolstädter Altstadt verteilt stehen markante blaue Stelen. Schon seit 1999 zeigen sie vergilbte Bilder von Gesichtern, die beim Näherkommen aufleuchten und mehr über die gezeigte Person verraten. Sie sollen erinnern. An die verschiedenen Gesichter der verfolgten Gruppen im Nationalsozialismus. Im Luitpoldpark stand eine letzte freie Stele. Gestern hat sie endlich ein Gesicht bekommen.

Jüdisches Bürgertum, katholischer Klerus, politische Parteien – die Opfer des Nationalsozialismus stammen aus breit gefächerten Gesellschaftsschichten. Am 11. Juni 1943 wird Marie Herzenberger in Auschwitz ermordet. Als Angehörige der Sinti und Roma passte auch sie nicht in das Bild der Nationalsozialisten. Gut eine halbe Million ihrer Ethnie wurden ausgelöscht. Serina Roché will durch das Foto ihrer Großmutter an die Morde erinnern.  Für die Hinterbliebenen ist der Ort wichtig, weil die Auschwitztoten keinen Friedhof haben. An den Stelen kann man ihnen gedenken.

Aus archivarischer Sicht ist die Volksgruppe der Sinti und Roma schwer zu fassen. Nur über Menschen, die ihre Familiengeschichte kennen und die Namen der Angehörigen nennen können, sind sie zu finden. In Ingolstadt war Romani Rose ein wichtiger Mittelsmann. Die Stelen sollen aber nicht nur an die Toten erinnern, sondern sind auch ein Mahnmal für die aktuellen Entwicklungen, denn Opfer gab es nicht nur im Dritten Reich. Das Thema wird bleiben, es ist ein menschliches Anliegen.